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Meine erste Schwester klang so süß

Foto: TAB

In Grattstadt überlebte eine Kirchenglocke sieben Jahrhunderte, viele Kriege und zwei Schwestern

VON TIM BIRKNER

GRATTSTADT - Die Menschen mögen mich. Sie haben mir bereits zum dritten Mal eine neue Schwester geschenkt. Die jüngste hängt seit 1995 neben mir. Makellos, voll im Klang, deutlich größer als ich. Drei Schwestern in fast 700 Jahren. Weil ich den Menschen hier das letzte Geleit gebe, haben sie gespendet, damit meine jetzige Schwester wieder aus Bronze gegossen werden konnte, so wie ich.

Spärlich waren die Spenden für meine zweite Schwester. Das war 1920. Sie war aus Eisen. Die Gute ist nicht so beliebt gewesen im Dorf und dann auch noch gerostet. Es soll nicht eitel klingen, aber irgendwie klang sie von Anfang an etwas matt. In meinem Alter darf ich das ruhig sagen. Immerhin lebt sie noch. Sie steht heute unten im Altarraum. Stumm. Naja, besser als im Seniorenheim.

Dass ich überhaupt noch lebe, grenzt an ein Wunder. Vielleicht haben sie mich am Ende des Ersten Weltkrieg hängen lassen, weil ich zu schmächtig war. Meine erste große Schwester, die Arme, haben sie zertrümmert, Gott habe sie seelig. 1761 kam sie zu mir. Wir waren ein tolles Team, klangen miteinander, dass die Herzen der Grattstadter höher schlugen. Ihr habt sie zerschlagen, hier, direkt neben mir, damit ihr das Dach nicht abdecken musstet. Ihre Trümmer wolltet ihr einschmelzen, ihr Narren. Für den Krieg. Der Krieg ist grausam gewesen. Wie jeder Krieg grausam ist. Vielleicht steht daher auf meiner 201 Kilo schweren jetzigen Schwester "Friede auf Erden". Ein frommer Wunsch. Aber wir sind ja alle fromm hier.

Ein Krieg war auch meine schwerste Zeit. Ich habe Glück gehabt und überlebt. Nicht viele hier haben den 30-jährigen Krieg überlebt. 1630 läutete ich in Grattstatt noch für 200 Einwohner in 40 Höfen. Am Ende des Krieges waren es noch drei Häuser und vier Menschen. Und denen, die starben, denen, die abgeschlachtet wurden, konnte ich nicht einmal mehr das letzte Geleit geben.

Ich konnte nicht mehr läuten. Meine alte Kapelle aus dem Jahr 1324, von der niemand außer mir mehr weiß, wie sie aussah, haben sie niedergerissen wie das ganze Dorf. Ob Sie es mir glauben oder nicht, wenn ich heute jede Viertelstunde läute, muss ich bei jedem Schlag an damals denken. Nicht selten kommen mir die Tränen. Mit den Jahren denke eben auch ich öfter mal an die Vergangenheit.

Gott sei Dank habe ich mir bei diesem Sturz damals nichts gebrochen. Ich war immerhin schon 300 Jahre alt. Nachts in meinen Träumen stürze ich immer wieder. Solche Wunden heilen wohl erst, wenn ich einmal nicht mehr bin. Eingeschmolzen, zertrümmert, wer kennt schon mein Ende?

700 Jahre sind eine lange Zeit. Wie ich sie mir vertreibe, fragen Sie? Ich teile den Menschen die Zeit in bekömmliche Viertelstunden. Mich gab es lange vor den Zifferblättern, diese unnachgiebigen Drängler, die nicht nur Minuten, neuerdings sogar Sekunden zählen.

Ich war schon eine alte Dame, als wir einfach mal so neun Tage ausgelassen haben. Das war ein Spaß. Nach dem 18. Februar 1700 kam gleich der 1. März. Wieviele Schläge ich mir da gespart habe, und niemand hat´s gemerkt. Mich hat es ein paar Tage jünger gemacht. Seitdem sind die Kalender einheitlich.

Soll ich noch von meiner Geburt sprechen? Eine Qual. 500 Jahre gab es Grattstadt schon, 500 Jahre lang haben sie überlegt, ob sie sich mich leisten können. 500 Jahre gingen die Menschen mit der Idee einer eigenen Kirchenglocke schwanger. Wo Kinder doch so teuer sind und durchaus ihre Macken haben.

Zum Beispiel meine Schönheitsfehler. Alle vier Evangelisten stehen auf mir. Doch wie der Teufel es will, alle rückwärts. Statt LUCAS steht dort SACUL und so weiter. Warum auch immer. Wissen Sie was? - Mir hat es nie geschadet. Daran muss ich stets denken, wenn ihr Menschen über schiefe Nasen und abstehende Ohren sprecht. Glaubt mir, ihr werdet alt damit. Sehr alt sogar.


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